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Berner Woche
Nr. 19/1990
Zoom
Zum Film «Berner Beben» im Kino und auf DVD
Wiedersehen im Geist von gestern
Die 1990 mit dem Filmpreis des Kantons Bern ausgezeichnete Dokumentation über die autonome Berner Jugendbewegung stammt von «Bund»-Kulturredaktor Andreas Berger, den die Wiederbetrachtung des eigenen Werks in ein heftiges Wechselbad der Gefühle stürzte.
Ich träumte vom grossen Kino, damals, im Herbst 1987, und schrieb eifrig an einem Spielfilmdrehbuch. Dann aber wurde die Berner Reitschule besetzt und die Siedlung Zaffaraya auf dem Gaswerkareal brutal geräumt. Als Regisseur von «Zafferlot» (1986), einem kurzen und kruden Streifen über die Zerstörung des Kulturzentrums Zaff, war es für mich klar, mit meiner Super-8-Kamera auf die Strasse zurückzukehren. Auf was ich mich damit einliess, konnte ich nicht ahnen; dass beispielsweise das Zaffaraya schon ein Jahr nach dem gewaltigen Aufruhr reanimiert wurde, wusste damals niemand.
Was unter dem Arbeitstitel «Zafferlot 2» als filmischer Schnellschuss geplant war, wuchs schnell zu einem riesigen Berg von Bildern an; etliche Aufnahmen wie jene von der Schlacht ums Zaffaraya oder dem stundenlangen Krawall an der Fichendemo im März 1990 waren spektakulärer als alles, was man hierzulande in einem Spielfilm inszenieren könnte – kein Produzent würde es schaffen, Szenen mit so vielen Statisten und so viel Action zu finanzieren. Gut zweieinhalb Jahre dauerte es insgesamt, bis das fertig gestellt war, was am 1. August 1990 unter dem Titel «Berner beben» uraufgeführt und unter anderem im Kellerkino, an den Solothurner Filmtagen und im Schweizer Fernsehen gezeigt wurde.
Wie vieles aus dieser intensiven Zeit im Lauf der Zeit in Vergessenheit geraten ist, wurde mir erst vor kurzem bewusst. Im Hinblick auf das 20-Jahr-Jubiläum des Kulturzentrums Reitschule und dem 20. Jahrestag der Zaffaraya-Räumung kam ich im Frühling auf die Idee, «Berner beben» auf DVD herauszubringen, und schaute mir das Ding wieder einmal an. Die Wiederbegegnung mit dem eigenen Werk löste extrem widersprüchliche Gefühle aus. Die Grundidee, mit einer Selbstdarstellung der autonomen Jugendbewegung für Bern das zu schaffen, was «Züri brännt» für Zürich ist, und dabei ganz bewusst gegen viele Regeln traditioneller Dokumentarfilme zu verstossen, finde ich nach wie vor ebenso gut wie die kriegsfilmähnliche Ouvertüre mit den drastischsten Aufnahmen der tränengasvernebelten Tschernobyldemo 1987.
Befremdend aber wirken in der als Stadtindianerwestern aufgezogenen Chronik dramaturgische Umständlichkeiten wie das Kleben an Details, die schon damals ausserhalb von Bern niemanden interessierten, befremdend auch wirkt das Fehlen jeder Art von Zwischentönen: Vermittelt wird ein Weltbild, das nur «gute» Demonstranten und «böse» Politiker und Polizisten kennt. Und angesichts des Umstands, dass in der Zwischenzeit Marco Albisetti und Marc-Roland Peter verstorben sind, empfinde ich heute auch die Gnadenlosigkeit, mit der die damaligen Gemeinderäte durch den Kakao gezogen werden, als befremdend; es gab in jenen Tagen sowohl im Stadt- wie im Gemeinderat auch differenzierende Stimmen, aber die Intentionen von «Berner beben» liefen darauf hinaus, nur solche Zitate zu bringen, welche die Politiker in möglichst schlechtem Licht zeigen.
Tabuisiert werden auf der anderen Seite szeneninterne Konflikte. Die zum Teil in blutigen Prügeleien ausgetragenen Konflikte der Reitschule mit den Punks auf dem Vorplatz und Drogendealern im Wohntrakt wollte ich nicht in die Öffentlichkeit bringen. Dass die Gesprächspassagen in «Berner beben» nicht sonderlich tiefschürfend sind, ist einerseits technisch bedingt: Sie wurden mit einer Super-8-Direkttonkamera gedreht, es musste deshalb immer schon nach zweieinhalb Minuten eine neue Kassette eingelegt werden, was ausführliche Gespräche verunmöglichte. Andererseits gehört es zum Konzept, jenem Mythos entgegenzuwirken, die autonome Bewegung werde von bestimmten «Drahtziehern» geführt; es sollten deshalb möglichst viele Leute vor der Kamera auftreten und keine Informationen darüber vermittelt werden, wer in der Reitschule und im Zaffaraya zu den Wortführern, zu den aktiven Sympathisanten oder bloss zu den Gelegenheitsbesuchern gehörte.
Bedauerlich finde ich, dass in «Berner beben» die Jahre 1980 bis 1984 ausschliesslich mit Fotos und fremdem Videomaterial geschildert werden, weil ich erst spät den Griff zur Kamera wagte. Am 14. April 1982 etwa war ich einer von vielen Zeugen der Schliessung des AJZ Reitschule und freute mich, dass der erste Tränengaseinsatz der Polizei voll in die Hosen ging: Just in dem Moment, als die Granaten abgefeuert wurden, drehte sich der Wind und blies alle Gasrauchwolken zur bereits abgeriegelten Reitschule.
Das Publikum lachte, johlte und klatschte mit den Händen, als die hustenden Grenadiere eilig die Gasmasken aufsetzten. Dann aber wurde Tabula rasa gemacht und die ganze Schützenmatte flächendeckend mit Gasgranaten beschossen, um das Publikum zu vertreiben. Ich sehe diese Szenen noch so klar vor mir, als hätten sie sich gestern abgespielt, und möchte mich heute noch ohrfeigen, dass ich es damals verpasste, sie auf Film festzuhalten. Dass die Kamera an jenem Tag zu Hause blieb, hatte ein bisschen mit der damals noch bilderfeindlichen Philosophie der Bewegung der Unzufriedenen, mehr aber noch mit meiner eigenen Biografie zu tun. Als im Sommer 1980 in vielen Schweizer Städten autonome Jugendzentren gefordert wurden, war ich noch ein schüchternes Vorortskind aus Zollikofen, das gewalttätige Demonstrationen nur aus dem Fernsehen kannte und dessen rebellische Aktivitäten sich darin erschöpften, Physikstunden im Gymnasium Neufeld zu schwänzen, um stattdessen ins Kino zu gehen.
Als im Winter 1981 das provisorische AJZ in der Taubenstrasse besetzt wurde, war ich in der Rekrutenschule und lernte schiessen, sprengen und kiffen, und in das im Herbst 1981 eröffnete AJZ Reitschule ging ich nur deshalb, um Hasch zu suchen. Aus heutiger Sicht viel zu lange trieb ich mich in Wohngemeinschaften herum, in denen Erich Fromms «Haben oder Sein» dogmatisch verehrt wurde: Demonstrieren, Flugblätter verteilen oder nächtliches Plakatekleben galt als «Sein», das Filmen solcher Tätigkeiten aber war als «Haben» verpönt. Erst ab 1985 hielt ich mich konsequent an die Devise «Die Kamera ist mein Gewehr und ich schiesse zurück, wann immer irgendwo in der Stadt Gas und Gummischrot verschossen werden». Noch immer stolz bin ich darauf, dass «Berner beben» der erste Streifen mit einer Abblendung auf Tränengas ist: Bevor der Film ins Jahr 1980 zurückblendet, zeigt er eine Krawallszene, für die ich so lange ausharrte, bis im Bild nichts mehr ausser Gasrauchwolken zu sehen sind.
Die Idee, «Berner beben» für die DVD zu überarbeiten, habe ich schnell verworfen. Gerade weil das Werk dem Denken von gestern unterliegt, hat es den Status eines historischen Dokuments, das unverändert erhalten werden soll. Wie man die Geschichte der Reitschule und des Zaffaraya besser, spannender und vielschichtiger erzählen kann, will ich lieber in einem neuen Film zeigen.
An diesem Projekt um die Reitschule, die sich vom AJZ zu einem Kulturzentrum mit Leistungsvertrag und Telefonhotline zur Stadtpolizei entwickelte, und das Zaffaraya, das fast auf den Tag genau 20 Jahre nach der Räumung im Gaswerkareal wieder umziehen muss, wird seit einigen Monaten bereits mit Volldampf gearbeitet. Mit Bezug auf die Diskussionen um das Web 2.0 trägt es den Arbeitstitel «Zaffaraya 3.0».
Der Bund; 03.11.2007