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Von der Gewalt zum Gespräch

Von Fred Zaugg

Mit seinem Dokumentarfilm «Zaffaraya 3.0» führt Andreas Berger seine Geschichtsschreibung fort: Eine Begegnung mit Menschen, ihren Träumen und ihren Welten. Und ein Weg aus Gaswolken in die Klarheit.

«Zaffaraya 3.0» könnte als Kennwort auf dem «Reiterlein» einer Archivmappe stehen oder als Etikette an einem Aktenkorpus. Andreas Berger bezeichnet damit die dritte «Folge» – eben «3.0» – seiner modernen audiovisuellen Stadtchronik «Zaffaraya». Dieser Titel des neuen Dokumentarfilms dürfte bei vielen Erinnerungen wecken von Zärtlichkeit bis Zorn, während er für andere ganz einfach Heute, Gegenwart, also Leben bedeutet. Dritte, mit der Berner Bewegung nicht Vertraute, könnte er möglicherweise mit seinem exotischen Klang sogar an eine Feriendestination mit Sandstrand mahnen, ein Paradies.
Jedenfalls wirkt «Zaffaraya 3.0» auf schwarzer Kinoleinwand gross, neutral und fast bürokratisch. Aber lief nicht schon davor die Kamera durch eine mit Tränengas und Geschrei angereicherte Laube der Berner Altstadt? Dramatik und Kampf scheinen angesagt zu sein. Die folgenden Untertitel «Auch eine Art Heimatfilm» und «Gesichter und Geschichten zur autonomen Bewegung 1980 bis 2010» verdeutlichen das Spannungsfeld, in welches Andreas Berger führt. Zugleich geben sie mit zwei Jahrzahlen, die dreissig Jahre umspannen, jene Klarheit, die schon aus den Geschichtsbüchern vertraut ist. Der Begriff «autonome Bewegung» allerdings lässt sich immer noch nicht bürokratisch ablegen, obwohl er schon längst historisch erfasst ist.
Handelt Andreas Bergers «Zaffaraya 3.0» nicht gerade davon, dass selbst in unserer wohlgeordneten, definierten, versicherten und gleichzeitig wiederum verunsicherten Umgebung noch etwas Ungezähmtes haust, etwas Lebendiges, eben diese «autonome Bewegung». Sie ist nicht so leicht zu jagen wie der Wolf, aber so leicht zu missbrauchen wie er. Wenn Andreas Berger seine geschichtlichen Geschichten schliesslich mit «Es war einmal . . .» beginnt, so reiht er sich damit nicht in die Reihe der Märchenerzähler ein, sondern jener Zeugen, die kommenden Generationen zeigen, wie Welten aufeinanderprallen können – in nächster Nähe –, wie Gewalt dort zu schreien beginnt, wo Macht sich den Worten verschliesst, wo polarisiert wird statt gemeinsam nach Lösungen gesucht. Es war einmal eine Stadt . . .

Gegner werden zu Mitmenschen
Ja, es war einmal jenes Bern, von dem Andreas Berger in den beiden langen Dokumentarfilmen «Berner beben» (1990) und «Ruhe und Unordnung» (1993) berichtet hat und als Stadtchronist festhalten musste, mit welcher Wut die Fronten einander nicht nur gegenüberstanden, sondern auch gewalttätig etwas verunmöglichten, was letztlich doch ihr höchstes Ziel war: Raum für kreative Selbstverwirklichung, Lebensraum und sogar Selbstverantwortung. Auch in «Zaffaraya 3.0» wird die Hasswelle nicht verschwiegen: Es ist sogar notwendig, bei ihr anzuknüpfen, weil die Menschen, welche nun als Beteiligte von einst geladen sind, sonst gar nicht in ihrer Ganzheit wahrgenommen werden könnten.
Wurde Andreas Berger bisher als Anwalt der bewegten Jugend verstanden, die gegen Wände anrennt, so erscheint der Chronist mit der Kamera heute als ein engagierter Berner, der seinem Kinopublikum Türen, Fenster und Augen öffnet auf Bereiche, die bisher nicht bloss verschlossen waren, sondern mit Vorurteilen versiegelt – aufseiten der Bewegten wie der Polizei. Berger sucht Menschen, die ihm Vertrauen schenken, sucht Partner, die bereit sind, über ihre Erlebnisse, ihre Vergangenheit, aber auch über ihre Pläne zu sprechen und über ihre Träume.
«Zaffaraya 3.0» wird durch sie zum packenden Dokumentarfilm und hat dank ihnen oft Qualitäten eines Spielfilms im präzisen Umgang mit den Protagonisten, die zwar nicht als Stars auftreten, jedoch in sorgfältig und feinfühlig gestalteten Bildern und eingängigen persönlichen Gesprächen, in Begegnungen zu Mitmenschen, ja Nachbarn werden, mit denen wir unser Bern und seinen Lebensraum teilen. Dabei wird nichts schöngeredet. Reibflächen dürfen bleiben. Aber welche Kraft geht von der Zaffarayanerin Kat Aellen (geboren 1969) aus und welche Besinnlichkeit, Klarheit und Offenheit vom Polizisten Alfred Rickli (1953, siehe auch «Bund» vom Donnerstag). Wie tief in sein schwieriges Leben lässt uns Fritz Trochsler (1962) blicken, der heute mit der Videokamera den Demonstrationen folgt, einst jedoch mit dem Kranich-Frevel die temporäre Schliessung der Reithalle provozierte. Mit Nathalie (1971) und ihrem Söhnchen Leo darf das Publikum teilhaben am Einzug ins «neue» Zaffaraya. Güggu (1973) und Kate (1988) öffnen die Wagenburg der Stadtnomaden, der Veganer Ruben (1988) jene der Stadttauben.

Nahe an den Träumen
Es ist entscheidend für «Zaffaraya 3.0», dass die wichtigsten Mitwirkenden mit Namen genannt werden, denn nur so ist es möglich, ihren Mut und ihre Risikobereitschaft zu würdigen. Andreas Berger, der auch bekannt ist als ehemaliger «Bund»-Filmkritiker und -Kulturredaktor, stellt ja sein Werk ganz bewusst gegen die Anonymität und für gegenseitigen Respekt. Noch immer ist er der Regisseur, Drehbuchautor, Kameramann und Cutter in Personalunion, ein selbst ernannter Chronist eben, der nicht nur nahe am Geschehen, sondern auch nahe an dessen Protagonisten und – was hier deutlich in Erscheinung tritt – nahe an ihren Problemen und Träumen ist.
Als Filmautor ist er jedoch nicht ein Einzelkämpfer: Der zweite Kameramann Ueli Grossenbacher, der Cutter Christof Schertenleib und die Cutterin Kathrin Plüss haben wohl wesentlich zur knappen und aussagekräftigen Form beigetragen. Sie bei dem viele Stunden umfassenden historischen und aktuellen Material zu finden, dürfte nicht immer leichtgefallen sein. «Zaffaraya 3.0» ist gelungen.
«Ich habe schon das Paradies hier. Ich kann es mir fast nicht anders vorstellen», sagt die Zaffarayanerin Kat Aellen am Schluss des Films, bevor auf ein wildes Konzert mit Reverend Beat Man geschnitten wird. Springt man vom gewalttätigen Anfang zu diesem Schluss, zu diesen besinnlichen Worten aus dem neuen alten Zaffaraya und zu den wilden Klängen in der Reitschule, so könnte der Gedanke aufkommen, es handle sich beim Dokumentarfilm doch eher um ein Märchen. Zwischen den beiden Polen ist indessen ein Weg, ein Weg, der zu empfehlen ist, weil er zu den Menschen führt, ein Weg, der allen offen steht.